Armseliger Faust, ich (er)kenne dich nicht mehr!

Ich mag Goethes Faust. Habe den ersten Teil zur Schulzeit gelesen, vermutlich um meinem Deutschlehrer zu imponieren, oder weil ich dachte, dass würde mir einen tieferen Zugang zu den Texten von „Samsas Traum“ verschaffen … aber egal. Ich verschlang der Tragödie erster Teil zügig und mir gefiel das Gelesene sehr gut, was bei so alten Meistern ja nicht selbstverständlich ist. Direkt im Anschluss versuchte ich es auch mit Teil zwei, brach das aber relativ schnell wieder ab und halte es bis heute für unleserliches Geschwurbel, Goethe hin oder her.

Jedenfalls hatte ich seitdem das Bedürfnis, das Ringen des Dr. Faust auf einer Bühne zu sehen. Dazu muss man sagen, dass meine Berührungspunkte mit dem Theater zwar spärlich gesät sind, aber nicht sooo spärlich, wie man meinen könnte. Mein alter Weggefährte M. (der übrigens hier sporadisch bloggt) z.B. wirkte immer mal wieder in Theaterprojekten mit, und wenn ich es einrichten konnte, habe ich mir seine Auftritte (unter anderem in einer Bühnen-Fassung von Tarantinos „Reservoir Dogs“) gerne angesehen. Außerdem dürfte ich zweimal die großartige „Dramatische Bühne“ genießen, einmal bei good old Shakespeares „Wass ihr wollt“ (sehr geil) und einmal bei einer Musikal-Interpretation des SciFi-Trash-Klassikers „Barbarella“ (strange, aber gut).

Ich bin ergo kein Theaterkenner, aber ich habe schon einmal eine Bühne gesehen und weiß, dass sich die Schauspieler am Ende ca. 5000 mal verbeugen.

Zurück zur Faust. Zu meinem jüngst erfolgten Geburtstag habe ich also Theaterkarten für Faust im Schauspiel Frankfurt bekommen und so gings schwups nach der Schulwoche in meine besten Ausgehklamotten (Foto folgt) und mit Mutti ab in die Mainmetropole.

Im Vorfeld war ich etwas besorgt, ob es sich nicht um eine moderne Version des Stücks handeln könnte, denn darauf hatte ich überhaupt keinen Bock. Wenn schon Goethe, dann bitte richtig und mit einer dicken Staubschicht. Keine zehn Minuten, nachdem der Vorhang hochgezogen wurde, war klar, hier handelte es sich sogar um eine SEHR moderne Version des Stoffes. Auf der Bühne stand eine Live Band, also Gitarre/Bass, Drums und Keyboard/Klavier (stilecht in braune Mönchsroben gekleidet), die die musikalische Untermahlung übernahmen. Anfangs hielt ich das noch für eine gute Idee, schließlich kommen auch im Originaltext Musikstücke vor, allerdings wurde hier zu inflationär davon gebrauch gemacht. Spätestens als Mephistopheles ein ellenlanges Gitarrensolo spielte, war ich mehr als bedient.

Hat es mir also nicht gefallen? Keineswegs, denn die Schauspieler waren großartig. Zwischen Faust und Mephisto herrschte eine fabelhafte Chemie, was ihre gemeinsamen Szenen und Streitgespräche sehr unterhaltsam machte. Bis auf einige Zwischensätze und gekonnt eingeflochtene Patzer wurde auch ausschließlich der Originaltext rezitiert, sehr zu meiner Freude.

In der Halbzeitpause ging es nach draußen rauchen. Direkt gegenüber vom Schauspielhaus residieren die Reste des Occupy-Camps und ein Punker mit obligatorischem Hund schnorrte die Theatergänger an. War sehr befremdlich, hier im Anzug (und Metalshirt) zu stehen, während ich vor ein paar Jahren eher noch zu der anderen Gruppierung gehört hätte. Der schnorrende Punker kam mir auch irgendwie bekannt vor, wenn man aber bedenkt, wie lange meine Straßenpunk Tage in Frankfurt her sind, war das vermutlich Zufall. Geld hatte ich leider keins einstecken, aber eine Zigarette rückte ich gerne raus.

Nach der Pause gabs noch ca. 60 Minuten Endspurt, die ich aufgrund meiner Verfassung (müde, müde und schon etwas müde) aber nicht mehr wirklich genießen konnte. Im Vorfeld hieß es übrigens, der Mephisto sollte ein „bekannter Schauspieler von außerhalb“ sein, laut mighty Google hat er in „Sonnenallee“ und einem „Tatort“ mitgespielt, sowie irgendwelchem TV-Kram den ich zum Glück nicht kannte. Gut war er aber schon, oder halt auf Koks, oder Egomane, oder alles. Erwähnen möchte ich nur noch die Rolle des Gretchens, die ich im Original (Zeitgeist hin oder her) für eine unerträglich blöde Tussi halte, die nicht bis drei zählen kann und die hier auch optisch als blöde Tussi zu erkennen war. Naheliegend.


5 Antworten auf „Armseliger Faust, ich (er)kenne dich nicht mehr!“


  1. Gravatar Icon 1 Stay Cold 23. Oktober 2012 um 19:54 Uhr

    FAUST…eines der wenigen Bücher, die ich in der Schule gerne gelesen habe. Grandioses Buch (wie du es ja schon so treffend beschrieben hast) aber der zweite Teil kann leider gar nicht (wie du es ja schon so treffend beschrieben hast).
    Eigentlich wollte ich den Heimvorteil nutzen und ebenfalls die Aufführung im Schauspiel geniessen aber leider war schon alles ausverkauft. DAMN!

    Wer isn dieser „M“? ISt es derjenige, für den ich ihn halte?

  2. Gravatar Icon 2 silentprotagonist 23. Oktober 2012 um 20:07 Uhr

    Ja, gemeint ist natürlich der Herr Machete ;-)

  3. Gravatar Icon 3 stay cold 24. Oktober 2012 um 14:31 Uhr

    Ah, dacht ich es mir doch!

  4. Gravatar Icon 4 silentprotagonist 24. Oktober 2012 um 15:30 Uhr

    Jetzt wo ihr beide Wahlfrankfurter seid, siehst du den vermutlich öfters.

    Apropos: Hast du Karten für eine der Maiden Shows in ffm?

  5. Gravatar Icon 5 stay cold 25. Oktober 2012 um 8:38 Uhr

    Ne, noch net. Ich bin noch am überlegen ob ich hingehe. Die Ticketpreise sind ja eher unangenehm (ich bin ja auch nicht der Über-Maiden-Fan). Aber da es eine Zusatzshow gibt, kann ich es mir ja nochemal überlegen…

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